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Lernstätte
München
Bausteine
für eine kommunale Bildungspolitik 2002-08
Ausgangslage
Kommunale Bildungspolitik hat einen sehr begrenzten Handlungsspielraum. Bildungspolitik ist Länderhoheit und Pflichtaufgabe des Freistaats Bayern, der seine gesetzlichen Verpflichtungen zu Lasten der Kommunen und der Eltern nur unzureichend erfüllt. Aufgabe der Stadt München ist es, die noch verbliebenen Handlungsspielräume auszuschöpfen, neue Wege anzuregen und zu erproben. Dies leistet die SPD-geführte Stadtratsmehrheit ideen- und erfolgreich und mit erheblichem Mittel-einsatz in der Kontinuität einer fortschrittlichen Tradition der ‚Schulstadt München' zugunsten der Kinder und Jugendlichen und ihrer Zukunft. Wir wollen gemeinsam Schule lebendig gestalten! Die Qualität von Bildung wird in der künftigen Wissensgesellschaft noch mehr als bisher zum entscheidenden Faktor für Wirtschaftswachstum, Arbeits- und Ausbildungsmarkt und für die Lebenschancen der Kinder und Jugendlichen. Als bedeutender Wirtschaftsstandort der modernen Technologien kommt in München den Fragen der Bildung und Ausbildung daher besondere Bedeutung zu. Bildung und Ausbildung ist aber nicht nur ein wichtiger Standortfaktor. Bildung und Ausbildung haben vorrangig die Aufgabe, Grundlagen für die Wissensnutzung zu vermitteln und Kindern und Jugendlichen Voraussetzungen für die Bewältigung ihres späteres Leben zu bieten. Für Kinder in Armutssituationen muss öffentliche Bildung und Erziehung einen Beitrag zum Abbau von Benachteiligungen leisten. Bildung zielt nicht auf Reichtum, aber sie ist der wirksamste Schutz vor Armut!
Erfolge und Initiativen
Leistungen der Landeshauptstadt München
Wir haben in den vergangenen Jahren unter Ausschöpfung aller Gestaltungsräume unter eingeschränkten Finanzierungsmöglichkeiten erhebliche Investitionen und neue Konzepte und Projekte umgesetzt:
- Ein neues Berufschulzentrum für alle Elektroberufe sowie viele Großsanierungen und Instandsetzungen.
- Die modernste DV-Ausstattung in der Bundesrepublik für alle Münchner Schulen.
- Für Kinder im Kindergartenalter haben wir stadtweit einen Versorgungsgrad von über 90% erreicht, bei der Hortversorgung 28,6%. Zusätzlich wurden Gelder zur Mittags- und Nachmittagsbetreuung zur Verfügung gestellt. Seit 1990 wurden 175 Einrichtungen geschaffen.
- Die neue Lehrerfortbildung und Schulentwicklung wurde modellhaft konzipiert und in allen städtischen Schulen eingeführt.
- Die Schulsozialarbeit an Grund-, Haupt-, Förder- und Berufsschulen wurde eingeführt und zunehmend ausgebaut.
- Die größte Volkshochschule der Bundesrepublik Deutschland wird von der Stadt München finanziert. Lebenslanges Lernen ist dadurch kostengünstig möglich.
Herausforderungen
Trotz bundesweit hoher Arbeitslosigkeit können viele Unternehmen im Raum München nicht genug hoch qualifizierte Arbeitskräfte insbesondere in den boomenden IT-Berufen finden.
Die bayerische Abiturientenquote ist im Bundesvergleich unterdurchschnittlich. Obwohl inzwischen mehr junge Frauen als Männer die Schule mit dem Abitur beenden und mehr Frauen an den Hochschulen studieren, sind sie in Führungspositionen deutlich in der Minderheit.
Ein Viertel aller Ungelernten sind arbeitslos. Das Arbeitsplatzangebot für Un- und Angelernte geht dramatisch zurück. Immer noch verlassen 9% alle Jungen und Mädchen die Schule ohne Abschluß. Der Auslesedruck im dreigliedrigen bayerischen Schulsystem und vermehrt im Zusammenhang mit der Einführung der sechsstufigen Realschule steigt.
Mehr Chancen für ein selbstbestimmtes Leben
Bildung ist ganzheitlich zu verstehen. In ihr vergewissern wir uns selbst und finden unsere Identität. Bildung ist die menschliche Form der Weltaneignung und zugleich ihr Ergebnis. Dazu gehören die Vorstellungen und Einstellungen, Fähigkeiten, Kenntnisse und Gewohnheiten, die es dem Menschen ermöglichen, die Welt selbstbestimmt und verantwortlich mitzugestalten. Dies bedeutet für die Zukunft:
- Der Einzelne wird mit neuen Anforderungen und den Risiken mit der Freiheit eines zunehmend selbstbestimmten Lebens konfrontiert.
- Lernen und Leistung müssen dem Aufbau der personalen und sozialen Schlüsselqualifikationen gerecht werden. Dazu ist die Einheit von kognitivem, sozialem und emotionalem Lernen nötig.
- Eine Auslese, die ausschließlich auf Konkurrenz und Leistungsdruck beruht, zerstört diese Einheit.
Demokratie lernen
Demokratische Tugenden müssen gelernt werden. Gemeinsinn, Respekt vor dem anderen, Verantwortung für die eigene Person, für die eigene Lebensgemeinschaft und vor allem für die Schwächeren lernt man nur durch Erfahrung. Formen der Mitwirkung und Mitbestimmung wie das Schulforum müssen aufgebaut bzw. weiterentwickelt werden.
Familien stärken
Die Veränderungen der Institution Familie zwingen die Gesellschaft, teilweisen Ersatz zu schaffen für diejenigen Funktionen, welche die Familie übernommen hatte. Das führt notwendigerweise zu einem Aufgabenzuwachs bei Kinderbetreuungseinrichtungen und Schulen.
- Kindergarten, Horte und Schule müssen verstärkt zu Ganztageseinrichtungen umgebaut werden.
- Ergänzende Systeme der Jugendhilfe müssen ausgebaut und im Rahmen der Kooperation Jugendhilfe - Schule umgesetzt werden.
Gesellschaftliche Herausforderungen
Über die Angebotssicherung hinaus muss Schule in die Lage versetzt werden, sich den veränderten Anforderungen der Eltern, der Wirtschaft, der Gesellschaft zu stellen, sich weiterzuentwickeln und vorausschauend zu agieren, statt nur zu reagieren.
Das setzt einen Prozess kontinuierlicher Schulentwicklung voraus.
Ziele und Aufgaben / was wir tun wollen
Daraus ergeben sich folgende Forderungen:
- In der Schule muss die Befähigung erworben werden, den Anspruch auf Selbstbestimmung und die Entwicklung eigener Lebens- und Sinnbestimmungen zu verwirklichen und diesen Anspruch auch für alle anderen Menschen anzuerkennen.
- Zugleich muss darauf geachtet werden, dass sich nicht durch mehr Gestaltungsfreiheiten und bessere Ausstattung an Privatschulen die Bildung vom öffentlichen auf den privaten Bildungsbereich verlagert. Bildung darf nicht vom Einkommen der Eltern abhängig sein.
Eine Neue Bildungsreform - Schule neu denken.
Für eine neue Bildungsreform müssen wir die Erfahrungen, Anregungen und Ideen aller derjenigen nutzen, die in den Schulen und Bildungseinrichtungen als Lehrende und als Lernende arbeiten sowie die Anregungen des sozialen, kulturellen und ökonomischen Umfeldes mit einbeziehen und folgendes umsetzen:
- Ausbau eigener Budgets, Mitbestimmung bei Personalentscheidungen und eigener Profilbildung.
- Schulberatung statt Schulaufsicht sowie die Bereitschaft selbstgesetzte Ziele regelmäßig zu überprüfen.
- Mehr interdisziplinäre Unterrichtsformen, Projektunterricht und eine Reduzierung des repetitiven Unterrichts in 45-Minuteneinheiten.
Innere Schulreform
Die innere Schulreform ist auszubauen, handlungsorientierter, fächerübergreifender Unterricht im Team muss ermöglicht werden. Ein Konzept Schule als Lern- und Lebensraum ist zu entwickeln und umzusetzen. Zwingend folgt daraus, dass:
- Lehrer sind nicht mehr automatisch das organisierende Zentrum aller Aktivitäten und Planungen, sondern übernehmen zunehmend die Rolle von Moderatoren und Beratern.
- Die neue LehrerInnenausbildung soll Lehrerinnen und Lehrer dazu befähigen, über die reine Wissensvermittlung hinaus, Interesse und Verständnis für die Schülerinnen und Schüler zu entwickeln.
- Zensur von Schülerzeitungen ist abzuschaffen.
- Steuerung über Leitbild und Leitlinien und moderner Qualitätssicherung.
Ganztagsschulen
Zudem ist angesichts zunehmender Berufstätigkeit von Frauen, zur Unterstützung der Familien und der Vereinbarkeit von Familie und Beruf für eine ausreichende Betreuung der Kinder auch im Rahmen der Schule zu sorgen. Außer in den deutschsprachigen Ländern gibt es fast überall Ganztagsschulen. Dazu ist das Bayerische Schulfinanzierungsgesetz anzupassen. In allen Schulgattungen sind Ganztagsschulen als alternatives Angebot einzuführen.
Die sog. verlässliche Halbtagsschule ist als staatliche schulische Regeleinrichtung einzuführen mit einem aufgelockertem Unterrichtsangebot, das auch musische, sportliche und soziale Fähigkeiten wieder ausreichend fördert. Die gegenwärtigen Notlösungen zu finanziellen Lasten der Eltern und Kommunen sind nicht weiter tragbar.
Lern- und Lebensort Schule
Schule muss sich vom reinen Lernort zum anregungsreichen Lehr-, Lern- und Lebensort entwickeln. Das bedeutet, dass Schule kein von der Lebenswelt abgeschlossenes System sein darf sondern im Unterricht, wie darüber hinaus mannigfaltige Themen- und Sachbezüge zur realen Alltagswelt, zum sozialen, ökologischen und urbanen Umfeld herstellen muss.
Spiel & Spaß
Und Schule soll Spaß am Lernen vermitteln. Leistungsbereitschaft und Leistungsfähigkeit gedeihen am besten in Schulen, in denen das Lernen Freude macht. Spiel bildet auch - aber anders als Unterricht. Persönlichkeitsorientiertes Bildungsprozesse in eigener Regie und eigener Verantwortung werden für das Leben in der offenen Wissens- und Informationsgesellschaft immer wichtiger. Medienkompetenz als spielerischer Umgang mit den digitalen Technologien gehört hier unverzichtbar dazu. Spielen fordert und fördert, ist Bildung, Freizeit und sozial-kulturelles Lernen gleichermaßen.
Geschlechterdifferenz
In der Gestaltung des Unterrichts ist darauf zu achten, dass geschlechtsspezifische Benachteiligungen abgebaut werden. Hierzu sind eigene Fachkonzepte zu entwickeln und umzusetzen. Die differenzierte Koedukation ist weiterhin zu fördern und Gleichstellung bleibt ein wichtiges Ziel für alle Bildungsbereiche. Angefangen vom Kindergarten, müssen alle Bildungseinrichtungen noch stärker einem einseitigen Rollenverständnis entgegenwirken und geschlechterdifferenzierte Mädchen- und Jungenarbeit entwickeln.
Europäische Integration
Es gilt auch im Hinblick auf die europäische Integration die Bildungsangebote anzupassen und der verstärkten Nachfrage nach internationalen und mehrsprachigen Schulen zeitgemäße Angebote zu machen.
Gegen soziale Ausgrenzung
Wir müssen auch diejenigen erreichen, welche die Schule nicht oder nur mit schlechtem Ergebnis abgeschlossen haben. Dabei geht es nicht nur um den Lebensweg und das Lebensglück des Einzelnen, es geht auch um den Zusammenhalt unserer Stadtgesellschaft. Das ist der Anspruch, dem wir uns stellen müssen.
Integration und interkulturelle Pädagogik
Besonders schwer haben es junge Ausländer und Ausländerinnen. Häufig bleiben gerade sie ohne Schul- und Berufsabschluss. Hier brauchen wir eine gezielte Förderung. Wenn ein Drittel aller Schüler einen "Migrationshintergrund" hat, dann muss "Integration" ein zentrales Element der Bildung sein - und zwar auf jeder Stufe. Hier hat Schule und Jugendhilfe in München seit über 25 Jahren Pionierarbeit geleistet. Die Sprachdefizite, gerade bei den türkischen Kindern der dritten und vierten Generation, sind die Hauptursache für deren Misserfolge in der Schule. Integration und interkulturelle Kompetenz muss in der Aus- und Weiterbildung der Lehrer eine viel größere Rolle spielen als bisher. Hier ist der Freistaat dringend gefordert. Interkulturelle Kompetenz schützt am stärksten vor Fundamentalismus und Rassismus.
Konkrete Forderungen
Kinderbetreuungseinrichtungen:
Solange der Freistaat nicht seine Verpflichtung zum Ausbau der Ganztagsschulen erfüllt, ist der weitere Ausbau von Horten und Tagesheimen erforderlich. Entsprechend den Kindergärten sollen auch Horte staatlich gefördert werden. Altersübergreifende Einrichtungen sind zuzulassen und vom Staat zu bezuschussen. Hierfür ist ein zeitgemäßes Kinderbetreuungsgesetz zu schaffen.
Grundschule:
Ausbau zu verlässlichen Halbtagsgrundschulen mit Wechsel von Unterricht und ausreichenden Regenerationspausen. Engere Zusammenarbeit von Schule und Hort. Integration behinderter Kinder.
Hauptschule:
Ausbau der Schulsozialarbeit mit Berufsorientierung, Stadtteilöffnung, Schulmediation (Konfliktschlichtung). Ausbau der Lern- und Lehrsäle. Vernetzung und Ausstattung mit neuen Medien.
Weiterführende Schulen:
Erweiterung der Nachmittagsangebote. Ausreichende Sachausstattung mit neuen Medien und modernen Schulbüchern und Unterrichtsmaterialien. Achtung des Elternwillens bei Übertrittsverfahren. Freie Schulwahl noch intensiver Beratung. Ausbau berufsvorbereitender Praktika.
Integrale Schulen:
Die Forderung an den Staat, integrierte Schulformen nach Bedarf und entsprechend dem Elternwillen zuzulassen.
Berufliche Bildung:
Enge Verknüpfung von Aus- und Weiterbildung an den Berufsschulen. Ausbau von Berufsvorbereitungsklassen mit eigenen Konzepten. Ausbau der Produktionsschule. Weiterer Ausbau der Schulsozialarbeit und der Maßnahmen für Abbruchgefährdete. Erweiterung der Berufswahlperspektiven für Mädchen (neue IT-Berufe und andere). Verbesserung der Wohnheimsituation und Qualitätskontrolle der Heime. Einrichtung eines Bildungswerks für Auszubildende nach dem Vorbild des Studentenwerks mit Information, Beratung, Betreuung, Vermittlung und Angeboten für soziale Infrastruktur. Ausbildungsvorbereitende Beratung über neue Berufe. Langfristige Personalgewinnung und Senkung des Altersdurchschnittes der BerufsschullehrerInnen.
Erwachsenenbildung / Weiterbildung:
Förderung der Bereitschaft zu lebenslangem Lernen durch kostengünstigen Zugang zu öffentlichen Angeboten in den Bereichen: Fremdsprachen, berufliche Bildung, Deutsch, Gesundheitsbildung, Seniorenbildung, Zweiter Bildungsweg, Ausländerintegration, interkulturelle Angebote. Absicherung der Erwachsenenbildung sowohl durch kommunale als auch mehr Staatsmittel.
Allgemeines Leitziel
Die Kinder und Jugendlichen dieser Stadt müssen mit einem zeitgemäßen Wissen, sozialen und kulturellen Fähigkeiten ausgestattet werden, damit sie in unserer demokratischen Stadtgesellschaft partizipieren, sich weiterentwickeln und am Prozess des lebenslangen Lernens teilnehmen können.
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